3. Zürcher Hausärztetag: «Anreize und Fehlanreize im Gesundheitswesen»

Der diesjährige Zürcher Hausärztetag verzeichnete mit über 70 Gästen einen Teilnahmerekord. Das Thema „Anreize und Fehlanreize im Gesundheitswesen“ mobilisierte die Zürcher Ärzteschaft, steht es doch im Brennpunkt von Politik und Gesellschaft. Referenten wie Natalie Rickli, Gesundheitsdirektion des Kantons Zürichs, oder Prof. Dr. Mathias Binswanger, Ökonom, trugen mit ihren Voten zum Erfolg des Anlasses bei. 


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Den Auftakt machten die Co-Präsidenten von mfe Zürich, Dr. med. Irene Glauser und Dr. med. Harald Schütze. Sie begrüssten die Gäste und stiegen direkt in das Thema «Anreize und Fehlanreize im Gesundheitswesen» ein, beleuchteten es aus haus- und kinderärztlicher Sicht. Die Co-Präsidenten betonten, dass zeitliche Limitationen, wie der Bundesrat sie vorsieht, die notwendige und erwünschte interprofessionelle Zusammenarbeit erschwert. Weiter würden zeitliche Limitationen die koordinierende Funktion des Grundversorgers zum Wohle der Patienten verhindern. Davon betroffen sind beispielsweise die Palliativcare, die Spitex, med. Therapeuten und Pflegefachleute. Die haus- und kinderärztliche Präventionsarbeit, die auf lange Sicht die Gesundheitskosten senkt, leidet ebenfalls. Starke, tragfähige und langfristige Arzt-/Patientenbeziehungen führen zu Früherkennung und sogar zur Vermeidung von Krankheiten und damit zu einer Reduktion und/oder Vermeidung von Folgekosten.


Natalie Rickli, Regierungsrätin und Gesundheitsdirektorin des Kantons Zürich, war Ehrengast der diesjährigen Tagung. Sie zeigte sich konsensbereit und wies in ihrem Referat darauf hin, dass die Politik ein offenes Ohr für die Anliegen der Zürcher Haus- und Kinderärzte hat. Natalie Rickli gewährte auch Einblicke in ihre Tätigkeit als Gesundheitsdirektorin und zeigte auf, wo die Grenzen und Möglichkeiten liegen. Sie richtete eine klare Botschaft an die Zürcher Haus- und Kinderärzte: «Formuliert die Anliegen klar und kommuniziert diese zeitnah.» mfe ZH nimmt diese Anregungen auf und sieht hier eine seiner Kernaufgabe als berufspolitischer Verband im Kanton Zürich für das Jahr 2020.


Prof. Dr. Mathias Binswanger, Dozent der Fachhochschule Nordwestschweiz in Olten, wies auf die wirtschaftlichen Aspekte des Anreizsystems im Gesundheitswesen hin. Er stellte die These auf, dass die Kosten im Gesundheitswesen auch in Zukunft steigen werden, da es bei allen Beteiligten Anreize zur Mengenausdehnung gibt. Je mehr man Institutionen unter finanziellen Druck setze, desto stärker würden sich Fehlanreize auswirken. Die Anreize zur Mengenausdehnung lassen sich nicht durch mehr Wettbewerb beseitigen, sondern solche Massnahmen schaffen neue Fehlanreize. Auch die Patienten haben ein reduziertes Kostenbewusstsein, da sie die bezogenen Leistungen nicht direkt bezahlen. Als mögliche Lösungen aus diesem Dilemma präsentierte Prof. Binswanger einige Ideen, wie die Einheitskrankenkasse, vermehrte Prävention, höhere Franchisen, mehr integrierte Versorgung, Verlagerung in den ambulanten Bereich oder die Senkung der Preise durch Generika.


Im darauf folgenden Podiumsgespräch, an dem neben den genannten Referenten auch Dr. med. Esther Wiesendanger, Hausärztin, Dr. Oliver Reich, Leiter sante24, Swica, Dr. med. Corina Wilhelm, Kinderärztin und Prof. Dr. med. Mazda Farshad, med. Spitaldirektor der Universitätsklinik Balgrist, teilnahmen, wurden diese Ideen ausgiebig diskutiert.


Gerade im Bereich «ambulant vor stationär» ist im Gesundheitswesen Schweiz einiges in Bewegung geraten, was teilweise bereits Spitäler in die finanzielle Bredouille bringt. Deshalb soll auch die Konzentration auf weniger Spitäler aus ökonomischer und politischer Sicht kein Tabu bleiben – da waren sich die Podiumsteilnehmer einig. Die freie Marktwirtschaft brachte bis anhin nicht die Lösung, ein Rückfall in die Planwirtschaft kann es auch nicht sein. Immer noch ist es so, dass zu viele Akteure von den steigenden Kosten im Gesundheitswesen profitieren. Da müsse man ansetzen, bekräftigten die Podiumsteilnehmer in ihren Voten. Das Gespräch wurde moderiert von Dr. med. Philippe Luchsinger, Präsident der mfe Schweiz.Im Anschluss unterhielten sich die Gäste angeregt beim Apéro Riche.


Der nächste Zürcher Hausärztetag wird am 19. November 2020 stattfinden – bitte reservieren Sie sich diesen Termin bereits.



Ende 2019: Wo stehen wir beim Taxpunktwert (TPW) und den TPW-Verhandlungen?

Zwar scheint der Patient TPW in Zürich in einem chronischen Dämmerzustand dahin zu vegetieren, doch der Schein trügt: Bekanntlich hat die AGZ (Ärztegesellschaft des Kanton Zürich) den Taxpunktwert (TPW), zurzeit in Zürich 89 Rp, inklusive den Anhang LeiKoV (Leistungs- und Kostenvereinbarung) auf den 1.1.17 gekündigt. Der damalige Lenkungsmechanismus hatte insbesondere in Kantonen mit grösseren Städten versagt und Zürich hätte ohne Kündigung weitere 2 Rp eingebüsst und das als schweizweit bereits grösster Verlierer im TPW seit Einführung des Tarmed.


Der Schein trügt: viel Aktivität hinter den Kulissen!

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Die AGZ hat bereits 2016 mit viel Brain und Power nachgewiesen, dass der TPW gemäss Gestehungskostenmodell mit der RoKo Studie mindestens 1 Fr. betragen sollte, wenn die bei Einführung des Tarmed vorgesehene n Regulationsmechanismen funktioniert hätten. Interessanterweise hat sich der Wert „TPW = 1 Fr“ auch nach Vervielfachung der ausgefüllten Roko-Fragebogen nicht verändert, und dieser Ergebnis wurde – peinlich für Regierung und Krankenversicherer – auch durch das BFS (Bundesamt für Statistik) mit der MAS-Studie gestützt.


Im KVG ist festgelegt, dass die Gestehungskosten bei der Festlegung des TPW zu berücksichtigen sind. Irgendwie muss sich somit auch die Festsetzungsbehörde, die Gesundheitsdirektion des Kantons, damit befassen. Mit gezielter Verzögerungstaktik hat der früher zuständige Regierungsrat Heiniger das heisse Eisen seiner Nachfolgerin Frau RR Natalie Rickli galant überlassen: Nun ist die AGZ daran, die GD unter neuer Führung zu überzeugen, dass bereits genügend Daten für eine korrekte Festsetzung , das heisst Erhöhung des TPW, vorhanden sind, eine Ansicht, die auch das BFS stützt. Allerdings hat hier die Regierung grossen Spielraum, und kann dafür juristisch nicht belangt werden, wie es in Rechtsstaaten eigentlich üblich sein sollte. So wollte die GD vorerst auch noch eine zusätzliche eigene Datenerhebung starten, was für die AGZ in dieser Art ein „no go“ ist. Allerdings ist als Kompromiss eine anonymisierte Stichprobenerhebung bei den gelieferten RoKo – Datensätzen denkbar. Dazu braucht es aber eine Einwilligung der einzelnen ÄrztInnen. Erfreulicherweise fand sich eine Mehrzahl der AGZ-Mitglieder dazu bereit.


Nach harzigem Beginn scheint nun doch Bewegung ins Spiel gekommen zu sein: Frau RR Rickli hat sich zumindest mit dem Dossier befasst, und wir hoffen, dass weitere Gespräche fruchten werden.


RoKo und MAS zeigen es klar: eine TPW- Erhöhung ist rechtens. Bitte macht weiter mit! Jeder ausgefüllte Bogen zählt! Es lohnt sich, weiter Daten zu sammeln und weiter für einen gerechten TPW in Zürich zu kämpfen.


Wir Grundversorger haben viel zu gewinnen, wenn der TPW steigt, denn auch beim neuen TARDOC, welcher den maroden Tarmed ersetzen soll, werden retrospektiv TPW Erhöhungen im Tarmed in der gesetzlich vorgeschriebenen Kostenneutralitätsphase berücksichtigt werden. Bis zur Einführung des TARDOC wird es aber noch geraume Zeit dauern. Zwar wurde das neue Tarifwerk von FMH und Curafutura (Krankenkassenverband von Helsana/KPT/Sanitas und CSS) letzten Sommer eingereicht, der Bundesrat als verordnende Instanz wird TARDOC aber, wenn überhaupt, kaum vor 2021 einsetzen.


Rainer Hurni, Vorstand Hausärzte Zürich, AGZ Vizepräsident und Tarifdelegierter des Kanton Zürich